Pearl Harbor auf der Bühne Zu Mark Siegelbergs Exildrama Das zweite Gesicht (1942)

2019 ◽  
Vol 51 (1) ◽  
pp. 183-210
Author(s):  
Von Tomas Sommadossi

Abstract Wenn man sich mit Zeugnissen aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs und des Exils beschäftigt, hat die deutsche Literatur nach wie vor Überraschungen parat. Auch nach über siebzig Jahren erweisen sich Exilnachlässe immer wieder als besonders ergiebige Fundgruben. Dies betrifft nicht nur die Hinterlassenschaften kanonischer Autoren, wie etwa der vielen während der Nazizeit in den USA Untergekommenen (Thomas und Heinrich Mann, Bertolt Brecht, Alfred Döblin, Lion Feuchtwanger usw.), sondern auch – oder sogar insbesondere – jene Schriftsteller, die weniger ,privilegierten‘ Exilrouten folgend nach abgelegenen Orten wie Shanghai die Flucht ergriffen, um dort in besonders mühseligen Verhältnissen ihre dichterische Tätigkeit fortzusetzen oder gar aufzunehmen. Die Schwierigkeiten bei der Erforschung dieser Autoren rühren an erster Stelle von der keineswegs selbstverständlichen Zugänglichkeit der Primärliteratur her. Werke aus dem Shanghaier Exil und Nach-Exil gelangten bestenfalls in kleinsten Auflagen am Exilort in den Druck, weshalb selbst ihre Überlieferung in Bibliotheken äußerst lückenhaft ist; nicht selten zirkulierten die Schriften lediglich als Manuskripte und wurden nicht einmal nachträglich verlegt, so dass sie sich kaum in das kulturelle Gedächtnis einschreiben konnten.1 Alfred W. Kneucker, Kurt Lewin, Hans Schubert, Mark Siegelberg, Susanne Wantoch – selbst dieser kleine alphabetische Namenkatalog bezeugt das ,niedere‘ Profil des Schriftstellertums aus dem Shanghaier Exil – das Profil einer littérature mineure, die seitdem trotz ihrer Einmaligkeit ein bescheidenes Dasein am Rande der Literaturgeschichtsschreibung wie der Forschung fristet.2

2021 ◽  
Vol 15 (2) ◽  
pp. 55-60
Author(s):  
Jan Bürger

Nichts hatte sich Yvan Goll in Brooklyn sehnlicher gewünscht als das Ende des Zweiten Weltkriegs. Dennoch fiel es dem Lyriker, Dramatiker und Erzähler schwer, im Juni 1947 nach Europa zurückzukehren. In dieser Hinsicht ging es ihm nicht anders als Alfred Döblin, Bertolt Brecht oder Thomas Mann – als all seinen deutschen Freunden und Bekannten, die in den USA Zuflucht gefunden und so den Nationalsozialisten entkommen waren. Die Verfolgungen und Gefechte gehörten der Vergangenheit an, nun stand ihnen die Remigration bevor, der Neuanfang in einer Welt, die seit ihrer Flucht von Grund auf erschüttert, wenn nicht für immer zerstört worden war. Aber gehörte Yvan Goll überhaupt zur Gruppe der deutschsprachigen Emigranten? Die Frage nach seiner Nationalität hatte er doch schon 1919 weit von sich gewiesen. Als es darum ging, für Kurt Pinthus’ Menschheitsdämmerung eine der üblichen Kurzbiografien einzureichen, nutzte Goll, der bürgerlich Isaac Lang hieß, die Chance, mit den Konventionen zu brechen.


2013 ◽  
Keyword(s):  

Wenn man sich die Geschichte des deutschen Buchhandels und Verlagswesens vor Augen führt, so wird man keine Zeit entdecken, in der es in einem Zeitraum von gerade einmal zwölf Jahren zu derartig radikalen Veränderungen gekommen ist wie zwischen 1933 und 1945. Nicht nur wurden unmittelbar nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten Schriftsteller wie Thomas und Heinrich Mann, Alfred Döblin, Franz Werfel und viele andere aus der Preußischen Akademie der Künste ausgeschlossen. Das sog. Gleichschaltungsgesetz vom März 1933 hatte auch einschneidende Folgen für die Verlage und Buchhandlungen. Der Börsenverein der Deutschen Buchhändler zu Leipzig geriet unter massiven Druck, rund 100 Verlage wurden schon im Jahr 1933 verboten bzw. geschlossen oder arisiert. Die weiterhin in Deutschland publizierenden Verlage standen unter strenger Kontrolle, während die Parteiverlage aufblühten und ihre Publikationen in hohen Auflagen absetzen konnten. Die Beiträge dieses Bandes zeichnen ein Bild der verschiedensten Aspekte des Buchhandels- und Verlagswesens unter dem Nationalsozialismus in Deutschland und Österreich.


2018 ◽  
Vol 50 (1) ◽  
pp. 283-294 ◽  
Author(s):  
Gelehrte Geschichte ◽  
falsche Fährten ◽  
Carola Hilmes

Abstract Seit Monaten steht der im Oktober 2017 erschienene Roman Tyll auf der Bestsellerliste des Spiegels. Allenthalben wird Daniel Kehlmanns Buch gelobt. Nach Die Vermessung der Welt (2005) ist ihm offensichtlich wieder ein überaus erfolgreicher historischer Roman gelungen und wieder arbeitet der Autor mit einigen schriftstellerischen Kunstgriffen. Kehlmann versetzt die Geschichte von Tyll Ulenspiegel in den Dreißigjährigen Krieg. Ein taktisch kluger Schachzug, denn 2018 wird dieser ,,deutschen Tragödie 1618–1648“ gedacht. Eines der informativen Hefte ZEITGeschichte erinnert an dieses historische Ereignis und lässt auch den Schriftsteller als Sachverständigen zu Wort kommen, befragt ihn, was ihn am Dreißigjährigen Krieg interessiert, welche Historiker ihm bei den Recherchen halfen und welche Literaten ihn inspirierten: Friedrich Schiller, Alfred Döblin, Golo Mann, Cecile Veronica Wedgewood, Ricarda Huch und Bertolt Brecht : eine ebenso illustre wie bunte Mischung. Der Dreißigjährige Krieg, so erläutert Kehlmann ,,ist eine Zeit der Gärung. Unendlich viel verschwindet, aber manch Neues entsteht – darunter auch die deutsche Sprache, wie wir sie kennen und verwenden, und in den Gedichten von Fleming und Gryphius entsteht die deutsche Literatur.“ (Kehlmann 2017, 98)


2021 ◽  
pp. 124-131
Author(s):  
Larysa Fedorenko

The article is devoted to the drama of Bertolt Brecht and Alfred Döblin. On the material of A. Döblin’s play «The Marriage» analyzes the typological factors of the genre Lehrstück («learning» or «didactic» play), which became widespread as Brecht’s authorial innovation. The purpose of the article: on the basis of comparative analysis of Lehrstück by B. Brecht and the play «The Marriage» by A. Döblin to explore their formal and poetic factors and to conclude about the common and distinctive features of artistic and aesthetic intention of the genre Lehrstück in the works of both playwrights. The source base of the research is represented by literary studies of Günter Hartung, Jan Knopf, Klaus-Dieter Krabiel, Heiner Müller, Rainer Steinweg, Bernhard Klaus Tragelehn, Florian Vaßen, Oleksandr Chirkov. To achieve this goal, the following research methods were used: cultural-historical, comparative-historical, structuralsemantic, descriptive, literary analysis and synthesis. The study presents the main stages of the genre in the work of Brecht and focuses on the initial period of origin of the «learning» or «didactic» play, which is also relevant to the drama of A. Döblin. The play «The Marriage» contains three scenes, a prologue and an interlude. Thematically, all the scenes are united by a common plot core – showing the breakup of marriage and family due to external circumstances. Family and marital relationships fail regardless of social status or financial status. Results and conclusions: The article proves that A. Döblin’s play «The Marriage» has a number of aesthetic and typological features that make it related to Brecht’s «didactic» plays: rejection of theatrical scenery, props, that is, everything that creates a theatrical illusion; the presence of epic elements and music as components of drama; use of text and illustrative projections, songs, recitatives with musical accompaniment; presence of a speaker (commentator) and a choir; the inclusion of the author’s commentary, which states the theme and issues of the drama, as well as explains how the play is constructed, emphasizes the probable educational, educational, instructive influence; the presence of director’s remarks that explain the options for the stage embodiment of the play; the ability to improvise, modify the text of the play and release individual scenes according to the purpose and type of production. A generalized analysis of the existing typological characteristics gives grounds to consider the play «The Marriage» by A. Döblin as a conceptual imitation and / or continuation of the theory and practice of the author’s genre Lehrstück B. Brecht.


1999 ◽  
Vol 58 (4) ◽  
pp. 233-240 ◽  
Author(s):  
Anouk Rogier ◽  
Vincent Yzerbyt

Yzerbyt, Rogier and Fiske (1998) argued that perceivers confronted with a group high in entitativity (i.e., a group perceived as an entity, a tight-knit group) more readily call upon an underlying essence to explain people's behavior than perceivers confronted with an aggregate. Their study showed that group entitativity promoted dispositional attributions for the behavior of group members. Moreover, stereotypes emerged when people faced entitative groups. In this study, we replicate and extend these results by providing further evidence that the process of social attribution is responsible for the emergence of stereotypes. We use the attitude attribution paradigm ( Jones & Harris, 1967 ) and show that the correspondence bias is stronger for an entitative group target than for an aggregate. Besides, several dependent measures indicate that the target's group membership stands as a plausible causal factor to account for members' behavior, a process we call Social Attribution. Implications for current theories of stereotyping are discussed.


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