Kehlmann, Daniel. Tyll. Reinbek: Rowohlt 2017, 480 Seiten.

2018 ◽  
Vol 50 (1) ◽  
pp. 283-294 ◽  
Author(s):  
Gelehrte Geschichte ◽  
falsche Fährten ◽  
Carola Hilmes

Abstract Seit Monaten steht der im Oktober 2017 erschienene Roman Tyll auf der Bestsellerliste des Spiegels. Allenthalben wird Daniel Kehlmanns Buch gelobt. Nach Die Vermessung der Welt (2005) ist ihm offensichtlich wieder ein überaus erfolgreicher historischer Roman gelungen und wieder arbeitet der Autor mit einigen schriftstellerischen Kunstgriffen. Kehlmann versetzt die Geschichte von Tyll Ulenspiegel in den Dreißigjährigen Krieg. Ein taktisch kluger Schachzug, denn 2018 wird dieser ,,deutschen Tragödie 1618–1648“ gedacht. Eines der informativen Hefte ZEITGeschichte erinnert an dieses historische Ereignis und lässt auch den Schriftsteller als Sachverständigen zu Wort kommen, befragt ihn, was ihn am Dreißigjährigen Krieg interessiert, welche Historiker ihm bei den Recherchen halfen und welche Literaten ihn inspirierten: Friedrich Schiller, Alfred Döblin, Golo Mann, Cecile Veronica Wedgewood, Ricarda Huch und Bertolt Brecht : eine ebenso illustre wie bunte Mischung. Der Dreißigjährige Krieg, so erläutert Kehlmann ,,ist eine Zeit der Gärung. Unendlich viel verschwindet, aber manch Neues entsteht – darunter auch die deutsche Sprache, wie wir sie kennen und verwenden, und in den Gedichten von Fleming und Gryphius entsteht die deutsche Literatur.“ (Kehlmann 2017, 98)

2021 ◽  
Vol 15 (2) ◽  
pp. 55-60
Author(s):  
Jan Bürger

Nichts hatte sich Yvan Goll in Brooklyn sehnlicher gewünscht als das Ende des Zweiten Weltkriegs. Dennoch fiel es dem Lyriker, Dramatiker und Erzähler schwer, im Juni 1947 nach Europa zurückzukehren. In dieser Hinsicht ging es ihm nicht anders als Alfred Döblin, Bertolt Brecht oder Thomas Mann – als all seinen deutschen Freunden und Bekannten, die in den USA Zuflucht gefunden und so den Nationalsozialisten entkommen waren. Die Verfolgungen und Gefechte gehörten der Vergangenheit an, nun stand ihnen die Remigration bevor, der Neuanfang in einer Welt, die seit ihrer Flucht von Grund auf erschüttert, wenn nicht für immer zerstört worden war. Aber gehörte Yvan Goll überhaupt zur Gruppe der deutschsprachigen Emigranten? Die Frage nach seiner Nationalität hatte er doch schon 1919 weit von sich gewiesen. Als es darum ging, für Kurt Pinthus’ Menschheitsdämmerung eine der üblichen Kurzbiografien einzureichen, nutzte Goll, der bürgerlich Isaac Lang hieß, die Chance, mit den Konventionen zu brechen.


2019 ◽  
Vol 51 (1) ◽  
pp. 183-210
Author(s):  
Von Tomas Sommadossi

Abstract Wenn man sich mit Zeugnissen aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs und des Exils beschäftigt, hat die deutsche Literatur nach wie vor Überraschungen parat. Auch nach über siebzig Jahren erweisen sich Exilnachlässe immer wieder als besonders ergiebige Fundgruben. Dies betrifft nicht nur die Hinterlassenschaften kanonischer Autoren, wie etwa der vielen während der Nazizeit in den USA Untergekommenen (Thomas und Heinrich Mann, Bertolt Brecht, Alfred Döblin, Lion Feuchtwanger usw.), sondern auch – oder sogar insbesondere – jene Schriftsteller, die weniger ,privilegierten‘ Exilrouten folgend nach abgelegenen Orten wie Shanghai die Flucht ergriffen, um dort in besonders mühseligen Verhältnissen ihre dichterische Tätigkeit fortzusetzen oder gar aufzunehmen. Die Schwierigkeiten bei der Erforschung dieser Autoren rühren an erster Stelle von der keineswegs selbstverständlichen Zugänglichkeit der Primärliteratur her. Werke aus dem Shanghaier Exil und Nach-Exil gelangten bestenfalls in kleinsten Auflagen am Exilort in den Druck, weshalb selbst ihre Überlieferung in Bibliotheken äußerst lückenhaft ist; nicht selten zirkulierten die Schriften lediglich als Manuskripte und wurden nicht einmal nachträglich verlegt, so dass sie sich kaum in das kulturelle Gedächtnis einschreiben konnten.1 Alfred W. Kneucker, Kurt Lewin, Hans Schubert, Mark Siegelberg, Susanne Wantoch – selbst dieser kleine alphabetische Namenkatalog bezeugt das ,niedere‘ Profil des Schriftstellertums aus dem Shanghaier Exil – das Profil einer littérature mineure, die seitdem trotz ihrer Einmaligkeit ein bescheidenes Dasein am Rande der Literaturgeschichtsschreibung wie der Forschung fristet.2


2021 ◽  
pp. 124-131
Author(s):  
Larysa Fedorenko

The article is devoted to the drama of Bertolt Brecht and Alfred Döblin. On the material of A. Döblin’s play «The Marriage» analyzes the typological factors of the genre Lehrstück («learning» or «didactic» play), which became widespread as Brecht’s authorial innovation. The purpose of the article: on the basis of comparative analysis of Lehrstück by B. Brecht and the play «The Marriage» by A. Döblin to explore their formal and poetic factors and to conclude about the common and distinctive features of artistic and aesthetic intention of the genre Lehrstück in the works of both playwrights. The source base of the research is represented by literary studies of Günter Hartung, Jan Knopf, Klaus-Dieter Krabiel, Heiner Müller, Rainer Steinweg, Bernhard Klaus Tragelehn, Florian Vaßen, Oleksandr Chirkov. To achieve this goal, the following research methods were used: cultural-historical, comparative-historical, structuralsemantic, descriptive, literary analysis and synthesis. The study presents the main stages of the genre in the work of Brecht and focuses on the initial period of origin of the «learning» or «didactic» play, which is also relevant to the drama of A. Döblin. The play «The Marriage» contains three scenes, a prologue and an interlude. Thematically, all the scenes are united by a common plot core – showing the breakup of marriage and family due to external circumstances. Family and marital relationships fail regardless of social status or financial status. Results and conclusions: The article proves that A. Döblin’s play «The Marriage» has a number of aesthetic and typological features that make it related to Brecht’s «didactic» plays: rejection of theatrical scenery, props, that is, everything that creates a theatrical illusion; the presence of epic elements and music as components of drama; use of text and illustrative projections, songs, recitatives with musical accompaniment; presence of a speaker (commentator) and a choir; the inclusion of the author’s commentary, which states the theme and issues of the drama, as well as explains how the play is constructed, emphasizes the probable educational, educational, instructive influence; the presence of director’s remarks that explain the options for the stage embodiment of the play; the ability to improvise, modify the text of the play and release individual scenes according to the purpose and type of production. A generalized analysis of the existing typological characteristics gives grounds to consider the play «The Marriage» by A. Döblin as a conceptual imitation and / or continuation of the theory and practice of the author’s genre Lehrstück B. Brecht.


2015 ◽  
Vol 66 (2) ◽  
pp. 91-113
Author(s):  
Wolfgang Schönpflug
Keyword(s):  

Die Kybernetik nach den Prinzipien der marxistisch-leninistischen Ideologie als Wissenschaft auszuarbeiten und zur Grundlage gegenstandsorientierter Forschung, Organisation und Planung zu machen, war ein Anliegen, das seit der zweiten Hälfte der 1950er Jahre in der DDR diskutiert wurde. Die SED hat unter Walter Ulbricht als ihrem Ersten Sekretär dieses Anliegen unterstützt. Nach der Machtübernahme durch Erich Honecker im Jahre 1971 hat die Partei jedoch die Kybernetik als universelles, gesellschaftspolitisches Programm verurteilt und nur noch als einzelwissenschaftlichen, technisch und ökonomisch orientierten Forschungsansatz gefördert. Als universeller Ansatz verstanden, der sich nach Disziplinen gliederte, schloss Kybernetik auch eine Kybernetische Psychologie ein, die in der DDR zunächst an der Friedrich-Schiller-Universität Jena betrieben und dann an die Humboldt-Universität Berlin verlagert wurde; die Forschungsgruppe „Kybernetik und Psychologie” der Humboldt-Universität erweiterte sich in die Akademie der Wissenschaften der DDR, als dort ein Zentralinstitut für Kybernetik und Informationsprozesse gegründet wurde. Dargestellt werden das Projekt der kybernetisch orientierten Psychologie in den Jahren 1960 bis 1972, der gleichzeitige Entwurf eines sozialistischen Reformprogramms nach Grundsätzen der Kybernetik sowie die einschlägige Wissenschaftspolitik der DDR. Im Mittelpunkt der Diskussion steht die Frage der Kontextualität oder der Autonomie der Psychologie als wissenschaftliches Projekt. Wie weit war sie in die Kybernetik sowie in die Wissenschaftspolitik der DDR eingebunden? Wie weit hat sie in ihrem regionalen Umfeld Selbständigkeit genossen?


2018 ◽  
Vol 5 (2) ◽  
pp. 175-184
Author(s):  
Onur Kemal Bazarkaya

Orta Çağdan hemen sonra gelen Yeni Çağın başlarındaki bilimsel tartışmalarda şarlatanlar çok büyük bir önem taşırdı; çünkü o dönemde söz sahibi olan bilim insanları onları olumsuz örnekler olarak görür ve bu olumsuzlukları kullanarak bilim için ideal ölçütler saptarlardı. Bilimde bu şekilde “negatif figür” (Hole Rößler) olarak gösterilen şarlatanlar, edebiyatta daha çeşitli ve kompleks biçimlerde ortaya çıkmakta, hatta kimi zaman karizmatik kişilikler olarak tasvir edilmektedir. Bu durum özellikle şarlatan figürünün yoğun bir şekilde sahnelendiği Alman Edebiyatında 18. yüzyılın sonlarında, 19. yüzyılın başlarında görülmektedir. Aynı zamanda söz konusu devirde yazılmış eserlerdeki şarlatanların neredeyse hiçbirinin yerleşik yaşam insanı olmadığı göze çarpmaktadır. Bitmeyen yolculukları gibi bu bağlamda sürekli kıyafet değiştirmeleri ve rol yapmaları da onların kişiliklerine esrarengiz bir hava katmaktadır. Bu çalışmada, Christoph Martin Wieland, Friedrich Schiller ve Johann Wolfgang von Goethe’ye ait eserlerdeki şarlatan karakterinin farklı işlevleri irdelenecektir. Çalışmanın sonucunda şimdiye kadar gözardı edilmiş şarlatan figürüyle birlikte Göç Edebiyatı kapsamındaki araştırmalara yeni bir bakış açısı kazandırmak hedeflendirmektedir.ABSTRACT IN ENGLISHCharlatan Traveller and Migration Literature: A Reading with the Conflict Model At the beginning of modern times, charlatans emerged as of great importance to the scientific discourse of those spokesmen of the scholar community who use them as negative examples and thus define ideal standards for their profession. Charlatans were seen as “negative figures” (Hole Rößler) in science; however, the way they were judged in literature was more complex and varied, and, in some texts, they even seem congenial and charismatic. This phenomenon can be noticed in German literature especially around 1800 when the charlatan figure is used very often. Moreover, it is conspicuous that charlatans in literary depictions of this period generally have no home and travel around constantly. Furthermore, the fact that they change their clothing and camouflage permanently offers to their identity a mysterious dimension. In the field of studies designated as ,Literature and Migration’, this paper aims to provide interpretative perspectives and, in this respect, examines the issue concerning the poetic functions of charlatan travellers as rendered textually in a number of relevant passages chosen from the works of Christoph Martin Wieland, Friedrich Schiller, and Johann Wolfgang von Goethe. 


Author(s):  
Reinhold Grimm
Keyword(s):  

2014 ◽  
Vol 37 (4) ◽  
pp. 219-234
Author(s):  
Carsten Jakobi

Im Rahmen seines großangelegten Tui-Projektes, des geplanten satirischen Romans über den Intellektuellen in der bürgerlichen Gesellschaft, formulierte Bertolt Brecht in den ersten Jahren der nationalsozialistischen Herrschaft – spätestens 1935 – einen skizzenhaften Abriss der Geschichte der Weimarer Republik. Wie fast das gesamte vorliegende Textmaterial des nicht ausgeführten Romanprojekts hat die Skizze fragmentarischen Entwurfscharakter, aber trotz ihrer provisorischen Form ist sie in der politischen Sache, die sie vertritt, höchst entschieden und urteilsgewiss. Am Ende des nur knapp halbseitigen Geschichtsüberblicks heißt es lapidar: ,,Die Industrie ist eine imperialistische, da Profit erzeugende, auf Militarismus angewiesene. Die unerhörte Rationalisierung wirft das Proletariat auf die Straße. Von wo es die Militärs in die Kasernen – und in die Fabriken hereinholen. Der zweite Weltkrieg steht bevor.“1 Der rhetorisch inszenierte Nachweis eines notwendigen Zusammenhanges zwischen der kapitalistischen Ökonomie, dem Ende der bürgerlichen Demokratie, dem Aufstieg des Faschismus und der Entfesselung des hier auch bereits terminologisch korrekt antizipierten Zweiten Weltkriegs ist typisch für Brechts Überzeugung, dass der Kapitalismus im Allgemeinen und der NS-Faschismus im Besonderen unausweichlich auf einen Weltkrieg zusteuerten. In dieser politischen Prognostik reaktualisiert sich die Kriegsthematik, die in Brechts gesamtem literarischen Werk geradezu eine Konstante darstellt: von seinem ersten Drama Die Bibel aus dem Jahr 1913 über die nationalistischen Kriegsgedichte des Sechzehnjährigen zu Beginn des Ersten Weltkriegs, die berühmte Legende vom toten Soldaten von 1918 bis hin zu seiner letzten Buchpublikation, der Kriegsfibel von 1955. Wie ein kurzer Überblick über die genannten Werke zeigt, ist Brechts Auffassung des Krieges alles andere als konstant, aber stets durch das Selbstbewusstsein gekennzeichnet, gültige Urteile über den Krieg zu formulieren, und dieses Selbstbewusstsein nimmt dabei mitunter, wie das Zitat aus dem Tuiroman zeigt, die Form einer zukunftsgewissen Prognose an – eine Prognostik, die sich Brecht nach 1945 auch selbst als Verdienst attestierte, oft zu Recht, wenn man an das Kapitel Deutsche Kriegsfibel der Svendborger Gedichte denkt2, zum Teil auch fälschlich, indem er etwa von seiner Mutter Courage behauptete: ,,Das Stück ist 1938 geschrieben, als der Stückeschreiber einen großen Krieg voraussah […]“3 – obwohl der Arbeitsbeginn an dem Stück tatsächlich erst vier Wochen nach dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs lag.4


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