Abhandlungen zur Literaturwissenschaft - Der deutschsprachige Nachkriegsroman und die Tradition des unzuverlässigen Erzählens
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Published By J.B. Metzler

9783476057631, 9783476057648

Author(s):  
Sonja Klimek

ZusammenfassungDie beiden im Exil entstandenen Romane „The Real Life of Sebastian Knight“ (1941) von Vladimir Nabokov und „Doktor Faustus“ (1947) von Thomas Mann sind zwei fiktionale Texte über das Schreiben nicht-fiktionaler Künstler-Biographien. Da die fiktiven Biographen-Figuren selbst keine Künstler sind, wird in beiden Romanen der Blick von außen auf die künstlerische Kreativität dargestellt. Auf der Werkebene werden diese Versuche, einen anderen Menschen in seinem Gewordensein aus seiner Lebensgeschichte heraus zu verstehen, aber immer wieder mit den Mitteln der Groteske als unzulänglich bloßgestellt, nicht zuletzt durch die Lächerlichkeit ihrer den Prämissen und Strukturmerkmalen der anti-modernen Romanbiographien der 1920er und 1930er verpflichteten Erzähler-Figuren. Nabokovs besonders selbstreferentieller Roman ist ein Text über die Unmöglichkeit, einen anderen Menschen zu verstehen, indem man sein Leben erzählend rekonstruiert, was durch einen nicht offen unzuverlässigen, aber dennoch höchst zweifelhaften Ich-Erzähler narrativ gestaltet wird. Mann dagegen nutzt einen offen unzuverlässigen Erzähler, um einen Meinungsvorschlag zur Diskussion zu stellen, ohne dass Mann sich selbst als Autor zu dieser Position bekennen müsste. Beide Romane verfügen über die erzählerischen Traditionen der Romantik und bringen somit letztlich ihre Interpreten in die Position, in ihren Verstehensakten nun auch selbst Position zu beziehen, ob das Verstehen eines Künstlers – hier nicht seines Lebens, sondern eines seiner Werke – möglich sei.


Author(s):  
Tom Kindt

ZusammenfassungDer Beitrag rekonstruiert und problematisiert grundlegende Spielarten der verbreiteten These, dass Serenus Zeitblom, der fiktive Narrator in Thomas Manns „Doktor Faustus“, ein unzuverlässiger Erzähler ist. Die Abwägungen gelangen im Wesentlichen zu den folgenden drei Einschätzungen: 1) Aus der Ironisierung Zeitbloms im Werkzusammenhang lässt sich nicht auf seine Unzuverlässigkeit schließen. 2) Trotz wachsender Fabulierlust während des Erzählens legt er einen mimetisch zuverlässigen Bericht vor. 3) Trotz eines nach und nach geschärften Urteilsvermögens präsentiert er eine – in besonderer Weise – axiologisch unzuverlässige Erzählung.


Author(s):  
Matthias Aumüller
Keyword(s):  

ZusammenfassungDer Beitrag besteht aus drei Teilen. Zuerst wird erörtert, dass und inwiefern Anderschs Roman Efraim unzuverlässig erzählt ist. Die Zufallstheorie, die er über weite Strecken vertritt, soll als falsche Theorie verstanden werden. Im zweiten Teil wird dargelegt, welcher Tradition Andersch mit seiner Konzeption narrativer Unzuverlässigkeit folgt. Es ist nicht die Tradition Samuel Becketts, auf den im Roman wiederholt angespielt wird, sondern diejenige Max Frischs, auf den sich Andersch in Interview-Äußerungen auch selbst beruft. Im letzten Abschnitt werden drei Funktionen vorgestellt, die mit der Unzuverlässigkeit des Erzählers Efraim verknüpft sind, eine kognitive, weil sein reflektierendes Schreiben ihm einen Erkenntnisfortschritt beschert, eine emotionale, weil er auf diese Weise mit seiner Verzweiflung umgehen kann, und eine transtextuelle Funktion, die darin besteht, den Widerspruch der Leser zu provozieren.


Author(s):  
Bernadette Grubner
Keyword(s):  

ZusammenfassungIst Günter de Bruyns Buridans Esel (1968) ein sozialistischer Ehebruchsroman, der die Verfehlungen eines egozentrischen Bibliothekars vor dem Hintergrund der konsoliderten DDR-Gesellschaft nachzeichnet, oder eine subtile Gesellschaftskritik, die sich gegen den real existierenden Sozialismus wendet? In den Rezeptionszeugnissen lassen sich beide Auffassungen finden. Der vorliegende Beitrag zeigt, worauf diese höchst unterschiedlichen Lesarten zurückzuführen sind, indem er den Roman im Hinblick auf seine Wertorientierung untersucht – also die Frage, wer oder was im Text moralisch verurteilt oder affirmiert wird. Durch eine genaue Analyse der Erzählweise wird gezeigt, dass die Bewertung des Figurenverhaltens durch gezielte Strategien der Sympathieerzeugung und Entlarvung in der Schwebe gehalten wird. Dadurch entsteht gelegentlich der Eindruck axiologischer Unzuverlässigkeit, den die genaue Analyse allerdings nicht bestätigt. Der Text ordnet weder dem Verhalten der Hauptfigur noch der sozialistischen Gesellschaft als solcher widerspruchsfreie Werte zu. Stattdessen wird die Frage der Beurteilung des Geschilderten konsequent an den Leser und die Leserin zurückgespielt.


Author(s):  
Victor Lindblom
Keyword(s):  

ZusammenfassungAm Beispiel des Romans Stiller von Max Frisch wird im Beitrag die These plausibel gemacht, dass mimetisch unzuverlässiges Erzählen zu einer Aufspaltung einer fiktiven Welt in mehrere – potenziell unterschiedlich stark autorisierte – fiktive Welten führt. Dieser Auffassung zufolge wird durch das unzuverlässige Erzählen des Protagonisten der Roman in eine Stiller-Fiktion und in eine White-Fiktion unterteilt. Beide fiktive Welten bestehen demnach aus fiktionalen Wahrheiten, jedoch wird die Stiller-Fiktion durch den Autor stärker autorisiert als die White-Fiktion. Diese Erzählkonzeption verlangt nach einer Interpretation des Romans aus zwei Perspektiven, die im Identitätsproblem ihren gemeinsamen Kern haben: In derselben Weise wie Stiller nicht Whites Identität annehmen kann, kann White nicht Stillers Identität annehmen.


Author(s):  
Stephan Pabst

ZusammenfassungFred Wanders Erzählung Der siebente Brunnen ist eine Gegenerzählung zur antifaschistischen Legitimationserzählung Nackt unter Wölfen von Bruno Apitz. Das äußert sich auch in der erzählerischen Form. Wander arbeitet mit einem unzuverlässigen Erzähler. Er motiviert diese Unzuverlässigkeit ethisch und epistemisch mit der Erzählsituation, die der Holocaust historisch hervorgebracht hat. Daran lässt sich auch zeigen, warum – wenigstens bei der Beschreibung literarischer Texte – der Begriff der Unzuverlässigkeit dem des Traumas vorzuziehen ist.


Author(s):  
Hans-Harald Müller

ZusammenfassungNach einem knappen Rückblick auf die Begriffsgeschichte des unzuverlässigen Erzählens wird das Romanwerk von Leo Perutz im Hinblick auf Vorkommen und spezifische Verwendungen des unzuverlässigen Erzählens untersucht. Auffällig ist in diesem Kontext, dass Perutz seit 1933 keinen Gebrauch mehr von dieser Erzählkonzeption macht. Die Hypothese, dass dieser Sachverhalt auf eine – in der deutschen Literaturgeschichte des 20. Jahrhunderts oft konstatierte – ‚Abschwächung der Moderne‘ seit Ende der 1920er Jahre zurückzuführen ist, lässt sich jedoch nicht erhärten. Beim gegenwärtigen Stand der Forschung kann das unzuverlässige Erzählen weder einer spezifischen poetischen Konzeption noch einer begrenzten literarhistorischen Epochen zugeordnet werden.


Author(s):  
Sven Hanuschek

ZusammenfassungArno Schmidts Erzählung Brand's Haide (1951) wird vorgestellt; die autobiographischen Anteile des Textes sind einem „merging“-Verfahren unterworfen, das es für die zeitgenössischen Leser – angewiesen auf intratextuelle Informationen – unmöglich gemacht hat, sie in ihrem Realitätsstatus einzuschätzen. Indem der Ich-Erzähler, die Figur ‚Schmidt‘, in ihrer Beschränktheit zumal gegenüber den Frauenfiguren des Textes gezeigt wird, kann sie als unzuverlässiger Erzähler (mit einigen Kooperationsbrüchen und axiologischen Unzuverlässigkeiten) gelten. An einmontierten Fremdtexten und dezidiert falsch präsentierten ‚Quellen‘ kann gezeigt werden, dass Schmidt die Unterscheidungsmöglichkeiten der Wirklichkeitsebenen seines Textes konsequent verwischt. Abschließend wird nach der Funktion dieser Strategien gefragt, die bestimmte philosophisch-weltanschauliche Positionen nahelegen.


Author(s):  
Paul Onasch

ZusammenfassungIm Aufsatz wird die Frage diskutiert, inwiefern der Erzähler in Uwe Johnsons erstveröffentlichtem Roman Mutmassungen über Jakob den Versuch, die Hintergründe zum Tod der Titelfigur Jakob Abs zu rekonstruieren, auf narratologisch unzuverlässige Weise arrangiert. Ausgehend von Simone Elisabeth Langs These, dass „der Befund zur mimetischen Zuverlässigkeit des Erzählers positiv“ ausfalle, sich das Erzählen im Roman aber „am Rande des Spektrums der erzählerischen Zuverlässigkeit“ bewege (Lang 2016, S. 223), werden Textstellen untersucht, in denen der Erzähler scheinbar auf das Bewusstsein der zu Beginn der Erzählung bereits verstorbenen Titelfigur zurückgreifen kann. Während es sich bei diesen Passagen eindeutig nicht, wie von Lang angenommen, um unmarkierte Wiederholungen von Figurentext im Erzählerbericht handelt (vgl. Lang 2016, S. 219 f.), bleibt aufgrund des artifiziellen Charakters einiger Bewusstseinswiedergaben offen, inwieweit diese womöglich als szenische Vergegenwärtigung des Erzählers gestaltet sind (vgl. Müller 2005, S. 272). Zweifellos nimmt Johnson damit eine mimetische Unzuverlässigkeit in Kauf, spielt bei genauerer Betrachtung mit ihr (vgl. Lang 2016, S. 223), um den poetologischen Anspruch an einen Erzähler zu demaskieren, eine konsistente (Erzähl-)‚Wahrheit‘ präsentieren zu müssen.


Author(s):  
Uwe Spörl

ZusammenfassungDer Beitrag beschäftigt sich mit Friedrich Dürrenmatts Kriminalromanen Der Richter und sein Henker,Der Verdacht und Das Versprechen. Er vertritt die These, dass der erste und der letzte dieser Romane unzuverlässig erzählt werden, beide mimetisch und täuschend unzuverlässig, Der Richter und sein Henker heterodiegetisch bzw. erzählerlos, Das Versprechen homodiegetisch. Die These wird nach einer Bestimmung von unzuverlässigem Erzählen in Kriminalliteratur begründet und für beide Romane belegt. Sie wird darüber hinaus eingesetzt, um die Frage der Gattungszuordnung der beiden Texte als Kriminal- bzw. Antikriminalromane zu klären, und sie wird mit der gattungsübergreifenden Poetik Dürrenmatts in den fünfziger Jahren korreliert. Abschließend wird geklärt, warum der zweite der drei Romane, Der Verdacht, ohne unzuverlässiges Erzählen operiert.


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