Das kollektive Identitätsgefühl in den USA basiert auf einem Heldenmythos, der seit dem 19. Jahrhundert die amerikanische Literatur durchzieht: der American Adam. Wie der biblische Adam vor dem Sündenfall nimmt er in paradiesischer Unschuld sein Schicksal in die Hand – in seinem Eden, der neuen Welt, die den Amerikanern von Gott gegeben wurde. Er ist ein naiver »Wilder«, der als Außenseiter und Einzelkämpfer ohne Rücksicht auf Regeln und Gesetze ein Leben in Ungebundenheit und Freiheit führt. Als bis heute wirkende psychische Repräsentanz ist der American Adam auch Leitbild der politischen Führungskultur in den USA. Die politischen Akteure haben den (unausgesprochenen) Auftrag, die Vorstellung eines paradiesischen Unschuldszustands aufrecht zu erhalten und die Nation vor einer Konfrontation mit den Sünden der Vergangenheit – wie der Vertreibung der Ureinwohner, Sklaverei und Vietnamkrieg – zu bewahren. Ein Verzicht auf diese Unschuldsfantasie wäre für die meisten Amerikaner unannehmbar, wie zeigt beispielhaft an der medialen Inszenierung der militärischen Biographie des Vietnamveteranen James Gordon »Bo« Gritz zeigen läßt. Insofern stellte die Wahl Donald J. Trumps zum US-Präsidenten auch eine Antwort des reaktionären Amerika auf seinen Vorgänger Barack Obama dar: Dieser brach ein Tabu, als er am 18. März 2008 von der »nie ausgeräumten Rassenfrage« sprach, die ihren Ursprung in der Sklaverei habe, »der Erbsünde der Nation«. Trump verkörpert die bitter ironische, clowneske Variante des Adam-Mythos, die der amerikanische Schriftsteller Herman Melville 1857 in seiner Satire »The Confidence-Man. His Masquerade« so brillant charakterisierte. Wie Melvilles schillernder Confidence Man, der die Schwächen seiner Mitmenschen kennt und gewissenlos ausnutzt, verführt heute Trump seine Wähler dazu, unerwünschte Aspekte der eigenen Geschichte zu verdrängen und ihm im Gegenzug blindes Vertrauen zu schenken.