Heldenplatz revisited. Wien als (un)mögliche Heimat bei Thomas Bernhard und Robert Schindel

2017 ◽  
Vol 40 (3) ◽  
pp. 261-276
Author(s):  
Birthe Hoffmann

Eine Stadt als einen Topos zu betrachten, in dem Raum und Zeit, Realität und Mythos, Text und Materialität miteinander verschränkt sind, ist keine Erfindung der neueren Kulturwissenschaften. Diese Sichtweise gehört seit dem 19. Jahrhundert zur Chronotopie literarischer Werke, die nicht nur Zeit und Raum im Medium des Textes repräsentieren und reflektieren, sondern sich auch in die Stadt als Textstadt einprägen. So hat sich zum Beispiel Thomas Bernhard und der Skandal um die Aufführung seines Dramas Heldenplatz im Jahre 1988 ebenso in die Geschichte dieses Ortes eingeschrieben wie die Heeresparaden der Monarchie, der österreichische Bürgerkrieg der 1930er Jahre und die von Massen umjubelte Rede Hitlers 1938. Es ist alles da, geisterhaft zugleich an- und abwesend, wie überhaupt diese Stadt eine geisterhafte Erscheinung ist, das Haupt eines nicht mehr existierenden Riesenkörpers, der Schein einer vergangenen Größe. Der Heldenplatz, symbolischer Ort der mehr oder weniger gewaltsamen Auseinandersetzungen um die staatliche und geistige Macht, ist somit Sinnbild eines nicht beendeten Kulturkampfes, der auch im Bedenkjahr 1988 Wellen geschlagen hat.

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