Erfahrung und Selbstfindung: zur ewigen Jugend

2015 ◽  
Vol 38 (1) ◽  
pp. 53-67
Author(s):  
Mauro Ponzi

In eine tiefe, offenbar von Familienproblemen verursachte psychologische Krise geraten, wurde Hesse im Frühjahr 1916 in eine Nervenheilanstalt in Sommat bei Luzern eingeliefert. Dort wurde er von einem Schüler von C. G. Jung, Dr. J. B. Lang, psychoanalytisch behandelt. Die psychoanalytische Therapie setzte er auch nach dem Verlassen der Klinik mit sechzig Sitzungen vom Juni 1916 bis November 1917 fort, wodurch er offenbar seine psychische Stabilität und ein festes Vertrauen in sein schriftstellerisches Können zurückzugewinnen vermochte. Zugleich erlebte Hesse die Psychoanalyse als ,,Offenbarung“, die ihm eine neue Sicht auf die Welt eröffnete und ihm einen neuen Schlüssel lieferte, um sein literarisches Werk zu strukturieren. So lässt sich in seiner Erzählprosa ab 1919 eine radikale Wende beobachten: Aufgrund einer geglückten Kombination von psychoanalytischen Motiven und vagen ,,fernöstlichen“ Elementen zur radikalen Formulierung von Alternativen zu der westlichen ,,dekadenten“ und verdorbenen Kultur (auch Nietzsches Denken spielt hier immer eine entscheidende Rolle)1 gelingt es ihm, einige Hauptpersonen und Fabeln zu schildern, die die Leser mit dem ,,Weg nach innen“ sowie der befreienden und selbstdarstellenden Kraft einer alternativen Einstellung faszinieren.

2021 ◽  
Vol 0 (0) ◽  
Author(s):  
Ingrid Erhardt

Zusammenfassung In dem vorliegenden Beitrag untersucht die Autorin die Frage, ob und inwiefern psychoanalytische Therapie mit einer kultur- und religionssensiblen aber auch neutralen therapeutischen Haltung für Menschen mit einer depressiven und spirituellen Krise hilfreich sein kann. In die psychoanalytische und psychotherapeutische Praxis kommen zunehmend mehr Menschen unterschiedlicher Herkunft, die nicht nur ihren jeweiligen kulturellen Hintergrund, sondern auch verschiedene Religionen mitbringen. Darunter sind auch zunehmend mehr Muslime und Musliminnen mit ihrer eigenen kulturellen und religiösen Erfahrungswelt und Überzeugungen von Heilung und seelischem Wachstum, was eine Herausforderung für eine/n westlich sozialisierte Psychoanalytiker/-in darstellen kann. In diesem Beitrag wird postuliert, dass eine existenzielle Erfahrung (z. B. Trennung) bei einem religiösen Menschen nicht nur eine spirituelle Krise auslösen kann, sondern auch mit einer depressiven Krise einhergeht. Dies wird anhand einer psychoanalytischen Behandlung eines muslimischen Mannes in einer Kasuistik dargestellt. Eine Abweichung von einem kulturell bzw. religiös klar definierten Wertekanon löst Versagenserleben und damit Scham- und Schuldgefühle aus, die depressives Erleben verstärken und aufrechterhalten. Die Bearbeitung der Selbstwert- und Schuldkonflikte steht daher im Mittelpunkt der psychotherapeutischen Arbeit, wobei eine kultur- und religionssensible therapeutische Haltung unerlässlich ist.


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